Teal und Agil: Wer sich kritisch äußert, wird fast schon an die Wand gestellt

Liebe deine Kritiker wie dich selbst

Ein Freund arbeitet in einem großen Bau- und Architekturbüro. Sein Chef, der Inhaber, hat das wirklich lesenswerte Buch »Reinventing Organisations« von Frederic Laloux gelesen und ist infiziert. Er surft im Web und hat die Idee, sein Unternehmen zu einer selbstorganisierten sog. »Teal / türkisen Organisation« umzubauen. Ein spannendes Vorhaben.

Der Begriff der Teal Organisation geht auf ein Entwicklungsmodell des amerikanischen Psychologieprofessors Clare W. Graves zurück. Laut Graves ist Türkis der aktuell höchst mögliche Entwicklungsstand, den zum Beispiel eine Organisation haben kann. Eine türkise Organisation ist global denkend, synergistisch, selbstorganisiert. Menschen finden dort jenseits ihrer Egos ihren Platz. Eine ideale Welt. Wer würde nicht gerne in einem solchen Unternehmen arbeiten? Das Paradies.

Ein langer Entwicklungsprozess

Vergessen wird dabei allerdings häufig, dass der Weg dahin ein langer Weg ist. Denn auch das macht Graves deutlich: Um eine türkise Organisation zu werden, müssen viele Stufen der Entwicklung davor gemacht und integriert werden. Diese kann man nicht überspringen. Genau dort zeigt sich das Problem: Viele Unternehmen meinen, sie können per Abkürzung oder Quantensprung in die Welt einer türkisen Organisation vorstoßen.

So auch bei meinem Freund. Dieser erkannte das und bemerkte bei seinem Chef, dass er die Idee schon gut findet, er aber glaubt, dass das Bau- und Architekturbüro noch nicht so weit ist. So würden ja zum Teil einfachste Prozesse in der Kommunikation zwischen den Abteilungen noch nicht laufen. Und jede kleine Entscheidung wird immer noch vom Chef abgesegnet. Keine Rechnung wird bezahlt ohne seine Freigabe etc.

Doch anstelle dies als konstruktive Kritik aufzunehmen, wurden seine Bedenken nicht nur ignoriert, sondern vom Chef als Provokation aufgefasst. Es erfolgte eine quasi öffentliche Hinrichtung mit den Worten: „Sie sind gegen die Weiterentwicklung unserer Firma, mit Ihnen kann ich nicht zusammenarbeiten!“

Falsches Verständnis von Teal

Schon immer wird Kritik am Chef schnell als Provokation aufgefasst. Wenn ich mich jedoch zu einer türkisen Organisation entwickeln will, darf ich Anmerkungen meiner Mitarbeiter erst recht nicht als Provokation sehen, sondern muss sie ernst nehmen.

Mittlerweile kann ich aus Erfahrung sagen, dass diese Bedenken oft sehr berechtigt sind. Ich habe in diesem und im letzten Jahr zwei Firmen aus großer Nähe beobachten dürfen, die sich an ihren türkisen Change-Bemühungen komplett verhoben haben. Soweit, bis sie fast handlungsunfähig waren. Was nicht sein durfte, war offiziell kein Problem. Und wer drüber sprach, dem wurde mangelndes Leadership, keine Offenheit und ähnliches unterstellt. Absurd. Einerseits will man eine bessere Welt – aber gleichzeitig stellt man Kritiker an die Wand.

»Die Teal Organisation« als Unternehmensziel kann man nicht von oben als Diktatur des Guten befehlen. Sie muss wachsen und zunächst von allen verstanden werden, um dann auch wirklich gewollt und umgesetzt zu werden. Dazu braucht es eine faire und konstruktive Auseinandersetzung mit den internen Kritikern. Dies gilt im Übrigen für jedes Change-Vorhaben.

Die Türkise Organisation ist ein hehres und schönes Ziel. Um dorthin zu kommen, muss man jedoch wirklich seine Hausaufgaben machen.

Wann ist ein Unternehmen überhaupt reif für eine türkise Organisation?

  • Der »Laden« muss optimal laufende Prozesse haben, wie Buchhaltung, Gehaltsabrechnungen, Bestellprozesse etc. (Das ist bei vielen Start-ups überhaupt nicht der Fall!).
  • Eine gewisse (finanzielle) Komfortzone muss da sein, die Menschen müssen sich sicher fühlen.
  • Es muss ein guter Ton herrschen und eine mitmenschliche, motivierende Atmosphäre gegeben sein.
  • Der Umgang mit Kritik muss konstruktiv sein.
  • Es gibt genügend Möglichkeiten für Menschen, sich individuell einzubringen und zu verwirklichen.
  • Man muss das Gefühl haben: Wir sind schon ziemlich gut und wollen jetzt die Welt noch ein Stück weit besser machen.

Mein Rat an Unternehmen, die sich mit Change in Richtung Teal befassen: Macht erst mal eure Hausaufgaben. Dann sehen wir weiter.