Selbstorganisation und Führung – wie passt das zusammen?

Warum das eine das andere braucht

Eine etablierte Führungskraft eines jungen mittelständischen Unternehmens sitzt vor ihrem Team und sagt: „So … wir machen jetzt alles agil und ihr könnt fortan alles eigenständig entscheiden!“ Das Team ist zwar erst verblüfft, doch dann kommt langsam Freude hoch. Wollten sie das nicht immer?

Die Führungskraft ist dafür natürlich vorbereitet und hat für sich und ihr Team einen »agilen« Coach besorgt. Außerdem lernt das Team Kanban und andere hilfreiche Methoden und Techniken kennen. Alle arbeiten motiviert und munter drauf los. Die Führungskraft selbst schafft es gut, sich an die Anweisung des agilen Coaches zu halten, denn sie hat die Herausforderung, das Team »laufen zu lassen« und sich aus allem herauszuhalten. Alles scheint einer Traumwelt gleich.

Die Wunschwelt bröckelt

Alles läuft gut – zumindest für die ersten Wochen. Doch langsam kommen die ersten Probleme auf: Mit Bezug auf das Kanban-Board meinen einige Teammitglieder zu erkennen, dass sie selbst zu viel und andere zu wenig arbeiten und fordern sogar den »Rausschmiss« eines Teammitgliedes. Verständlicherweise wird die Diskussion dazu dann auch selbstorganisiert geführt. Was sich daraus ergibt, erinnert eher an William Goldings Herr der Fliegen als an ein konstruktives Miteinander. Außerdem hat das Team in dieser Zeit immer mehr Projekte sehr weit vorangetrieben und benötigt ein Go oder zumindest ein Feedback von »oben« wie und ob sie jetzt damit weitermachen sollen oder wann bzw. ob eine Übergabe an ein weiteres Team erfolgen soll.

Doch das Feedback von oben erfolgt nicht. Aus übergeordneter Sicht waren die Aktivitäten der Teams so sehr in eine eigene Richtung gedriftet, dass die Anschlussfähigkeit an die laufenden Aktivitäten der anderen Teams im Unternehmen verloren gegangen war. Nur wie soll man das jetzt sagen?

Bis hin zur Eskalation

Die Unzufriedenheit steigt. Es kommt schließlich zur Eskalation, als das Team selbst ausdiskutieren soll, wer wann Urlaub machen kann. Zwei wichtige, aber sehr introvertierte Mitarbeiter können sich hier im Gruppenprozess nicht angemessen durchsetzen … ziehen für sich die Notbremse und wechseln in ein anderes Unternehmen.

Endlich kommt das böse Erwachen. So kann es nicht weitergehen! Früher war alles besser! Scheiß Agilität und überhaupt … fuck Selbstorganisation!

Auch agile Unternehmen brauchen eine Führung

Zum Glück ist es nicht zu einer 180-Grad-Wende gekommen. Letztlich ist es nämlich ein riesengroßes Missverständnis, das zu dieser Situation geführt hat, denn: Auch eine Selbstorganisation braucht Führung! Sie braucht allerdings eine andere Führung. Und die ist oft gar nicht so weit von dem weg, was ich auch schon vor zehn Jahren in meinen Leadership-Trainings erzählt habe.

Aufräumen nach der Erkenntnis

Ich habe mit der Führungskraft einen Tag gearbeitet und wir konnten die Missverständnisse ausräumen. Aktuell sind wir dabei, den richtigen Grad der Intervention und Selbstorganisation zu finden.

Hier möchte ich gerne die wichtigsten Punkte darstellen, die ich als Empfehlung aus diesem Prozess ableiten würde.

Was muss Führung tun, damit Selbstorganisation gelingt?

  • Jemand muss die Moderation übernehmen, um zu gewährleisten, dass keine Anarchie entsteht, in der der Stärkste gewinnt, sondern die beste Idee.
  • Faule Mitarbeiter, die sich im System ausruhen, müssen sanktioniert werden – sonst machen es irgendwann die anderen, aber dann auf ihre Art.
  • Führung muss für eine Ausrichtung der Aktivitäten auf ein gemeinsames (Unternehmens-)Ziel sorgen, weil sich sonst Teams schnell kreativ verselbstständigen, sich Subgruppen bilden etc.
  • Man muss regelmäßiges Feedback und Wertschätzung geben, auch da Teams hierin untereinander oft noch schlecht sind und das erst lernen müssen.
  • Führung muss gelegentlich auch harte Entscheidungen treffen, wenn abgestimmte Regeln nicht eingehalten werden, die Teams sich zu lange und zu stark im Kreis drehen, ineffektiv werden, der Fokus verloren geht und die Menschen mürbe werden.
  • Ebenfalls wichtig ist: sich kritisch mit agilen Coaches auseinandersetzen. Keinesfalls können agile Coaches Führung substituieren! Zudem haben einige agile Coaches, die ich kennen gelernt habe, kaum eigene Erfahrung mit dem, was sie erzählen und geben lediglich dogmatisch plattes Lehrbuchwissen weiter.

Ich bin ein Fan von Selbstorganisation. Denn nur so können Menschen wirklich kreativ und motiviert arbeiten. Doch Selbstorganisation bedeutet nicht, dass man Menschen im Unternehmen einfach sich selbst überlässt. Auch sie brauchen Führung!